Luka Tomasdottir
Seid still.
Bitte.
Hört auf.
Ihr hört mir ja gar nicht mehr zu. Es ist, als spräche ich mit einer Wand. Worte genügen nicht mehr. Ich habe Euch so lange angeschrien, dass ich keine Stimme mehr habe. Es gibt keine Worte nehr. Ich werde nie wieder sprechen. Also schreibe ich und hoffe, dass Ihr diese Worte lesen werdet und mich in Ruhe lasst.
Tag um Tag sprecht Ihr mit mir. Zuerst dachte ich, Ihr wärt Helfender Donner. Sogar als die Kodan außerhalb des Dorfes sagten, er sei nicht mehr da.
Stimmt nicht, nein – sie sagten nur, seine Stimme sei nicht mehr seine eigene. Ich dachte, vielleicht sei er noch da draußen. Ich dachte, vielleicht hatten die Krieger von Sprechen Stiller Wasser in einem Akt paranoiden Wahns unbedacht einen der ihren ausgestoßen. Sicherlich war der Kodan, den ich im Frostklamm-Sund getroffen, der Kodan, mit dem ich am Feuer im Sicherwachttal Geschichten ausgetauscht hatte, nicht so einfach verrückt geworden.
Daher folgte ich der Stimme. Seiner Stimme. Ich folgte ihr nach Westen, über den See, wo Svanir verwandelt wurde.
Die Stimme fragte mich, ob ich Hefender Donner wiedersehen wollte. Fragte mich, ob ich die Geheimnisse der Kodan erfahren wollte.
Ich sagte ja. Bei den Augen des Raben, ich sagte ja. Ich hielt nicht einmal inne, um zu fragen, weshalb Helfender Donners Stimme mich so etwas fragen würde. Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe einfach nicht nachgedacht.
Helfender Donner kam aus dem Durchgang, der hinabführte in den gefrorenen See. Er sagte, ich solle ihm folgen und wir durchquerten ungehindert das Tal. Die Kreaturen, die ich noch Stunden zuvor an den Fersen gehabt hatte, ließen mich jetzt problemlos vorbei. Sicher fand ich das seltsam, aber ich maß dem keine Bedeutung zu. Vielleicht hatten sie ja Angst vor dem mächtgen Kodan, der mir vorausging. Vielleicht hatten sie gerade irgendeine andere, glücklose Kreatur gefressen und verschonten mich nur aus Appetitmangel.
Der Kodan brachte mich zu diesen Ruinen und erzählte mir alles, was ich je hören wollte. Nicht nur über die Kodan, sondern über alle Völker von Tyria. Die Nebel. Alles, was vergangen war. Und alles, was jetzt ist. Ich hatte um Wissen gebeten und ich bekam es. Ich bekam so viel, dass ich aufhören musste zu schreiben, weil meine Hände bluteten.
Doch die Stimme sprach weiter. Ich blickte auf und Helfender Donner war fort. Die Stimme war noch da. Die Stimme begann sich zu verändern. Das war nicht mehr Helfender Donner.
Das wart Ihr.
Jormag. Ich bitte Euch. Hört auf mit dem Geflüster.
Ich kann nicht mehr zuhören.