Die üppigen Wiesen des Liebeswaben-Tals erstreckten sich, so weit das Auge blickte, mit schimmernd feuchten Blütenkelchen. Hier, am Busen der Natur, lebte eine Arbeiterbiene namens Stachel ein produktives, aber einsames Leben.
Stachel stellte den süßesten Honig her, den es auf der Wiese je gegeben hatte. Aber eines Tages wurde Stachel unerklärlich traurig, sodass selbst die bunten Blüten rings umher allmählich zu verblassen schienen. Selbst der Honig schmeckte längst nicht mehr so süß. Und dann tauchte sie auf ...
Eine zauberhafte Kodan mit eichenfarbenem Pelz summte leise vor sich hin, als sie über die Wiese schlenderte. Ihr Name war Pralle Knospe.
Als leidenschaftliche Gärtnerin kehrte sie jeden Tag auf die Wiese zurück und kümmerte sich um die Blumen. Sie machte selbst die schüchternsten Knospen glücklich mit erfrischender Feuchtigkeit und zärtlichen Berührungen. Mit steifen Stängeln und zitternden Blättern schienen sie schon durch ihren bloßen Anblick aufzublühen.
"Wie soll sie mich denn bloß jemals bemerken?", jammerte Stachel und bewunderte sie von einem Ast in der Nähe aus. "Ich bin doch keine Blume. Ich habe keine hübschen Blütenblätter und dufte auch nicht. Und wenn ich ihr zu nahe komme, könnte es passieren, dass ich die Nerven verliere und versehentlich zusteche!"
Dann hatte Stachel eine wunderbare Idee, verließ das Versteck und schwirrte ab zur Arbeit.
Stachel machte sich daran, den lieben langen Tag jede einzelne Blüte zu besuchen. "Wenn sie meine Schönheit nicht beeindrucken kann, dann muss ich ihr eben zeigen, wie süß ich bin!"
Stachel stellte den besten Honig aller Zeiten her, nahm dann allen Mut zusammen und näherte sich Pralle Knospe zum ersten Mal.
"V-Verzeihung, meine Dame. Wie ich sehe, liebt Ihr die Blumen in diesem Feld. Die sind ja auch äußerst attraktiv. Aber habt Ihr schon den weltberühmten Honig von dieser Wiese probiert? Den stelle ich nämlich her."
"Oh, oh, oh ja! Ich habe von diesem legendären Honig läuten hören. Ich wäre ja so entzückt, wenn Ihr mir welchen abgeben wolltet, liebes Bienchen!"
Und dann bekam sie den süßen Nektar zu kosten und leckte ihn sich eifrig von den Lippen.
"Ich habe ja schon so viel Honig probiert, von überall her. Aber so etwas Makelloses wie dieser Nektar, den Ihr für mich bereitet habt, war noch nie dabei, liebes Bienchen."
Sie verbrachten den ganzen Abend Seite an Seite, unterhielten sich, lachten, und schwelgten in honigsüßer Zweisamkeit. Und als dann die Vöglein und die Insekten der Wiese sich zum Schlafen einkuschelten, verspürte eine überglückliche Kodan den Stich der Liebe.